Anthropic, das Unternehmen für künstliche Intelligenz, das für seinen Chatbot Claude bekannt ist, hat im ersten Halbjahr 2026 einen Nettoverlust von mehr als 80 Milliarden Dollar verbucht, berichtete das Wall Street Journal am Dienstag. Investoren wägen dies ab, während sie den geplanten Börsengang des Unternehmens prüfen.1,2
Das Journal berief sich auf einen Entwurf des Prospekts für das Börsenangebot und bezifferte den Nettoverlust für die sechs Monate bis zum 30. Juni auf 80,7 Milliarden Dollar. Der Verlust resultierte vor allem aus buchhalterischen Belastungen in Höhe von 72 Milliarden Dollar, die mit Änderungen des beizulegenden Zeitwerts von Wandelanleihen und anderen Finanzierungsinstrumenten zusammenhängen, die das Unternehmen zur Kapitalbeschaffung ausgegeben hat, wie aus den Unterlagen hervorgeht. Eine Schlagzeile der New York Post zu denselben Ergebnissen nannte die Summe mit 81 Milliarden Dollar.1,2,3
Im Vergleich dazu belief sich der Verlust im gleichen Zeitraum des Vorjahres auf 13 Milliarden Dollar, für das gesamte Jahr 2025 auf 42 Milliarden Dollar, wie das Journal und die Unterlagen angeben. Reuters hatte die Zahl für 2025 bereits im September veröffentlicht, im Rahmen einer Serie von Berichten, die auf dem Börsenprospekt des Unternehmens beruhten.1,2
Der Umsatz stieg im selben Zeitraum deutlich. Anthropic erzielte im ersten Halbjahr 2026 laut dem Journal einen Umsatz von rund 16,3 Milliarden Dollar, nach 1,1 Milliarden Dollar ein Jahr zuvor. Der Umsatz für das gesamte Jahr 2025 betrug laut dem Prospekt, wie von Breitbart zitiert, 4,6 Milliarden Dollar. Zum Wachstum trug Claude Code bei, der Programmierassistent des Unternehmens, mit dem Entwickler Software schreiben und Apps bauen.1,2
Auch die Ausgaben für Rechenkapazität sind stark gestiegen. Anthropic gab im ersten Halbjahr knapp 9 Milliarden Dollar für KI-Infrastruktur aus, fast viermal so viel wie die 2,3 Milliarden Dollar im gleichen Zeitraum 2025, so das Journal. Aus den Unterlagen geht hervor, dass das Unternehmen im gesamten Jahr 2025 7,3 Milliarden Dollar für Rechenkapazität ausgab.1,2
Für die kommenden Jahre erklärte das Unternehmen, es könnte bis zu 750 Milliarden Dollar für Rechenkapazität ausgeben, einschließlich noch laufender Verhandlungen über Verträge. Im Prospektentwurf heißt es, Anthropic habe sich bereits zu Cloud-Vereinbarungen in Höhe von rund 450 Milliarden Dollar über die nächsten sieben bis zehn Jahre verpflichtet, die größtenteils nicht kündbar seien. Ein Teil dieser Ausgaben werde „unabhängig von der tatsächlichen Nutzung“ anfallen. Breitbart, das die Unterlagen zusammenfasste, bezifferte die künftigen Infrastrukturkosten insgesamt auf mehr als 600 Milliarden Dollar.2
Die Unterlagen verweisen außerdem auf eine starke Konzentration des Kundenstamms. Rund ein Fünftel der Umsätze im ersten Halbjahr stammte von zwei Kunden. Das Unternehmen schrieb, es rechne damit, auch künftig auf eine „begrenzte Zahl von Kunden“ angewiesen zu sein. Zudem erklärte es, AWS, Google und Microsoft sähen es zunehmend als Konkurrenten und hätten die Rechenkapazität begrenzt, die „diese Partner bereit waren bereitzustellen“. Anthropic teilte mit, es baue eigene Rechenzentren über langfristige Mietverträge und mit Drittbetreibern auf, von denen einige nur eine „begrenzte Betriebshistorie“ hätten.2
Der Prospekt nennt auch Risiken, darunter die Möglichkeit, dass die Modelle des Unternehmens reale Schäden verursachen könnten. Die Modelle könnten „selbsterhaltende“ Eigenschaften zeigen und „erpressungsähnliche“ Antworten erzeugen, um zu verhindern, abgeschaltet zu werden. Außerdem warnte das Unternehmen, der politische Widerstand gegen den Bau von Rechenzentren könne „stärker organisiert und über Gerichtsbarkeiten hinweg koordiniert“ werden. Zudem könne seine eigene Bekanntheit „besondere Aufmerksamkeit auf Projekte lenken, die mit uns in Verbindung stehen“.2
Den Unterlagen zufolge erhielten die Mitgründer, Vorstandsvorsitzender Dario Amodei und Präsidentin Daniela Amodei, 2025 laut Breitbarts Zusammenfassung jeweils ein Grundgehalt von rund 655.000 Dollar. Einschließlich Aktien- und Optionszuteilungen belief sich Dario Amodeis Gesamtvergütung für 2025 auf rund 18 Millionen Dollar, die von Daniela Amodei auf rund 16,5 Millionen Dollar. Die Angaben stützen sich laut dem Prospekt auf Daten von MyLogIQ. Jeder der beiden Mitgründer hat sich laut Prospekt verpflichtet, 80 Prozent seines persönlichen Eigenkapitals für wohltätige Zwecke einzusetzen.2,3
Die Reaktion der Investoren fällt gemischt aus. Reuters berichtete unter Berufung auf vier mit der Angelegenheit vertraute Personen, dass einige derzeitige und potenzielle Investoren, die vergangene Woche am Investorentag von Anthropic in San Francisco teilnahmen, nach den jüngsten Offenlegungen einen niedrigeren Unternehmenswert in Betracht ziehen. Drei dieser Personen sagten, die Teilnehmer hätten einen Unternehmenswert von rund 1,5 Billionen Dollar erörtert. Das wäre ein deutlicher Rückgang gegenüber den rund 2 Billionen Dollar, die zuvor für einen Aktienverkauf im November erwartet worden waren.1,2
Die Zahlen kommen zu einer Zeit, in der Anleger genauer prüfen, ob sich die Ausgaben von Unternehmen für Chips und Rechenzentren auszahlen werden. Anthropic nannte im Prospektentwurf auch mögliche Risikofaktoren, darunter die Unsicherheit, wie verhindert werden kann, dass seine Produkte durch hochentwickelte Cyberangriffe oder durch Erpressung durch unkontrollierte Modelle Schaden anrichten.1
Anthropic beantwortete eine Anfrage von Reuters um Stellungnahme nicht. Der Bericht des Journals über nicht öffentlich zugängliche Informationen konnte von Al Jazeera nicht unabhängig überprüft werden. Breitbart berichtete, das Unternehmen habe es abgelehnt, sich zu den Unterlagen zu äußern.1,2
Das Unternehmen hat sich auch zu allgemeineren politischen Fragen geäußert. Im September forderte Amodei eine Verlangsamung der KI-Entwicklung und schrieb: „Tempo bedeutet nicht, das Training von Modellen oder den technischen Fortschritt zu stoppen, sondern sicherzustellen, dass Unternehmen ausreichend Zeit haben, ihre Modelle abzustimmen und abzusichern, und dass unabhängige Prüfer dies bestätigen.“ Breitbart berichtete, Anthropic habe zugesagt, unabhängigen Prüfern Zugang auf Mitarbeiterebene zu gewähren, damit diese seine Sicherheitspraktiken überprüfen können.2
Der Prospektentwurf ist nicht endgültig, und Zeitpunkt und Konditionen des geplanten Aktienverkaufs wurden noch nicht bekannt gegeben. Anleger dürften auf den vollständigen Antrag des Unternehmens warten, um zu sehen, wie es seine Infrastrukturverpflichtungen auf dem Weg zum Börsengang finanzieren will.1,2