Bei getrennten Angriffen am 20. und 24. Oktober in der Region Oromia in Äthiopien wurden nach Angaben von Kirchenvertretern mindestens 60 orthodoxe Christen getötet.1,3
Der Heilige Synod der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (Ethiopian Orthodox Tewahedo Church) erklärte am Montag, die Tötungen seien „äußerst tragische Grausamkeit und Leid, das unseren Bürgern zugefügt wurde“. Mehr als 20 Menschen seien schwer verletzt und 20 Häuser niedergebrannt worden. Al Jazeera bezifferte die Zahl der Toten auf mindestens 60, während die BBC unter Berufung auf die Kirche von mehr als 60 Toten bei einer Reihe von Angriffen auf Christen berichtete.1,3
Al Jazeera berichtete ausführlich über die Zählung der Kirche: 14 Menschen wurden am 20. Oktober in Gora Silingo, Angada Kebele im Distrikt Merti getötet, und 46 am 24. Oktober in den Dörfern Tereta, Chole und Birbo im Distrikt Shirka. Beide Distrikte liegen in der Zone Arsi im Zentrum Oromias.1
Ein Bewohner, dessen 75-jähriger Vater getötet wurde, beschrieb den Angriff gegenüber BBC Amharic als Hinterhalt. „Wir waren völlig unvorbereitet und hatten keine Vorwarnung. Sie umzingelten uns aus allen vier Richtungen“, sagte er. Ein Augenzeuge berichtete BBC Amharic, dass fünf der Getöteten Kinder waren.3
Ein Kirchenvertreter bezeichnete die Angriffe auf drei Gebiete im Distrikt Shirka als „Massaker“. Sicherheitskräfte seien am Ort eingetroffen, hätten den Angriff jedoch nicht stoppen können. Viele Bewohner sind inzwischen aus der Gegend geflohen.3
Für die Angriffe gab es zunächst kein Bekennerschreiben, und die Erklärung der Kirche nannte keine Verantwortlichen. Ein lokaler Beamter machte eine neu gebildete Rebellenallianz verantwortlich, der die Oromo-Befreiungsarmee (Oromo Liberation Army, OLA) angehört. Die BBC nannte das Bündnis „Alliance for Survival“, während Al Jazeera unter Berufung auf Medienberichte schrieb, es handle sich um eine neu gebildete Rebellenallianz, zu der die OLA gehört.1,3
Die OLA hat sich nach Angaben der BBC nicht geäußert, hat jedoch bestritten, frühere derartige Angriffe verübt zu haben. Al Jazeera erklärte, die Gruppe habe zuvor Vorwürfe zurückgewiesen, Zivilisten anzugreifen. Die Gruppe sagt, sie kämpfe für mehr Rechte für das Volk der Oromo. Ministerpräsident Abiy Ahmed hatte bereits erklärt, Gewalt gegen Zivilisten und religiöse Einrichtungen sei Teil eines Plans zur Destabilisierung des Landes. Die Regierung hat die OLA zuvor schon für solche Angriffe verantwortlich gemacht.1,3
Die Regionalregierung von Oromia hat zugesagt, die für die Tötungen Verantwortlichen zu verfolgen. Die Kirche forderte staatliche Institutionen auf, die Angriffe öffentlich zu verurteilen, den Schutz der Zivilbevölkerung zu stärken und sicherzustellen, dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Sie erklärte, die Angriffe verletzten die verfassungsmäßig garantierten Rechte auf Leben und Religionsfreiheit, und forderte die Sicherheitsbehörden auf, betroffenen Gemeinden zusätzlichen Schutz zu bieten.1,3
In einer auf Facebook veröffentlichten Erklärung teilte die Kirche mit, sie habe ihre Sorgen über die Unsicherheit wiederholt bei Behörden verschiedener Regierungsebenen vorgebracht, doch „bisher gibt es keine Lösung“. Die Angriffe auf Christen hätten in letzter Zeit zugenommen, und „solche Handlungen untergraben die Werte des Landes von gegenseitigem Respekt und friedlichem Zusammenleben“.3
Die Tötungen ereignen sich vor dem Hintergrund anhaltender Unsicherheit in Oromia, Äthiopiens größtem Regionalstaat mit rund 40 Millionen Einwohnern, wo Regierungstruppen seit Jahren gegen bewaffnete Gruppen kämpfen. Frühere Berichte haben auch Angriffe auf Muslime in der Gegend dokumentiert. Bewohner, die mit der BBC sprachen, beschrieben die Gewalt als ethnisch wie auch religiös motiviert. Etwa zwei Drittel der Äthiopier sind Christen, überwiegend Orthodoxe, ein Drittel ist muslimisch.1,3
Al Jazeera berichtete, der Äthiopische Menschenrechtsrat (Ethiopian Human Rights Council) habe im Juli erklärt, dass zwischen 2021/22 und dem 1. Juni dieses Jahres mindestens 432 Zivilisten und vier Mitglieder lokaler Milizen bei gezielten Angriffen in Ost-Arsi getötet worden seien. Die BBC gab die Zahl des Rates mit 458 Toten bei Angriffen in dieser Gegend in den vorangegangenen vier Jahren an. Laut BBC stellte der Bericht des Rates fest, bewaffnete Gruppen hätten lokale Gemeinschaften wiederholt angegriffen, insbesondere Anhänger der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche, und zwar in Angriffen, die als religiös motiviert beschrieben wurden.1,3
Der Heilige Synod kündigte an, Gespräche mit hochrangigen Regierungsvertretern zu suchen, um die Sicherheitskrise anzugehen. Er ordnete am Montag Gebete für die Opfer an und wies orthodoxe Kirchen und Klöster weltweit an, am Dienstag im Anschluss an die Göttliche Liturgie ähnliche Gottesdienste abzuhalten. Die Kirche sprach den Hinterbliebenen ihr Beileid aus und forderte dringende Maßnahmen, damit ihre Gläubigen ohne Angst leben und ihren Glauben ausüben können.1