Israelische Wähler haben am Dienstag eine landesweite Wahl beendet, ohne dass ein klarer Sieger feststeht, so die Exit-Polls der großen Fernsehsender des Landes. Demnach erreichen weder das Lager von Premierminister Benjamin Netanjahu noch die von dem früheren Armeechef Gadi Eisenkot angeführte Opposition die für eine Mehrheit in der 120 Sitze umfassenden Knesset nötigen 61 Mandate.1,3,5
Die Umfragen sehen 50 Sitze für das Lager Netanjahus, 52 bis 53 für die Opposition und 17 bis 18 für die arabischen Parteien. Axios berichtete, sollten die Ergebnisse so ausfallen, müsste Eisenkot versuchen, eine Minderheitsregierung zu bilden, die von den beiden arabischen Parteien gestützt wird, wobei unklar sei, ob alle seine politischen Partner dem zustimmen würden. Exit-Polls sind mit möglichen Fehlern behaftet, und die endgültigen Ergebnisse, die in den kommenden Tagen erwartet werden, können von ihnen abweichen.3,5
Die Berichte unterscheiden sich darin, wie Netanjahus Ergebnis im Vergleich zu Eisenkot ausfiel. CBS erklärte, der Likud sei zur stärksten Partei geworden, doch Netanjahu habe offenbar weniger Stimmen erhalten als sein wichtigster Herausforderer. Axios schrieb, der Likud habe ein bis zwei Mandate mehr als Eisenkots Partei Yashar erhalten, und die Schlagzeile der New York Post lautete, Netanjahu liege hinter Eisenkot. Axios wies zudem darauf hin, dass das Lager Eisenkots das Netanjahus überflügelt habe und dass, da Israel ein parlamentarisches System hat, letztlich die Summen der Lager entscheidend seien.1,3,2
Die beiden arabischen Parteien gewannen mehr Sitze als bei jeder früheren Wahl in Israel. Araber machen etwa 20 Prozent der Bevölkerung aus, und einige arabische Wähler sagten CBS News, sie hätten die vergangene Zeit unter der Regierung Netanjahus als schwierig empfunden. Sowohl Netanjahu als auch seine Gegner haben erklärt, sie würden keine Regierung bilden, die auf arabische Parteien angewiesen ist. Mansur Abbas (Mansour Abbas), Chef der islamistischen Raam-Partei (Ra'am), sagte, während die Abstimmung noch lief: „Unsere Stimme wird die Regierung verändern.“ Israels Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, warnte, „es wird Mansur Abbas’ Regierung sein“, falls Netanjahu und seine Verbündeten nicht gewinnen.1,5
Die Wahlbeteiligung war hoch. Bis 20 Uhr hatten mehr als 74 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, so viel wie zu dieser Uhrzeit seit Jahrzehnten nicht, und acht Prozentpunkte mehr als bei der Wahl 2022, wie die Zentrale Wahlkommission (Central Elections Committee) mitteilte. Axios sprach von einer Wahlbeteiligung auf einem Dreißigjahreshoch, die Schlagzeile der New York Post lautete, die Beteiligung sei auf dem Weg zum höchsten Stand seit 50 Jahren.5,3,2
Es war die erste landesweite Wahl seit den Angriffen der Hamas vom 7. Oktober 2023. Die Israelis gingen zur Wahl, während das Land noch in einem Mehrfrontenkrieg in Gaza, im Libanon und in Syrien kämpft, und nach zwei direkten Konflikten mit dem Iran. Netanjahu, der am längsten amtierende Premierminister Israels, führt den Likud. Die Associated Press schrieb, das Rennen werde weithin als Referendum über seine fast ununterbrochene 17-jährige Amtszeit gesehen. Gegen Netanjahu liegt ein internationaler Haftbefehl wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza vor, die Vorwürfe bestreitet er.1,5
Präsident Donald Trump hatte Netanjahu letzte Woche unterstützt und die feste Unterstützung seiner Regierung für den Krieg gegen den Iran bekräftigt, den die beiden Männer vor fast acht Monaten gemeinsam begonnen hatten. Trump warnte, er könnte nicht geneigt sein, ihn fortzusetzen, falls Netanjahu nicht an der Macht bleibt. „Wenn Israel den falschen Führer hat, also jemand anderen als Bibi, wird Amerika diese Arbeit selbst erledigen müssen, und dazu bin ich nicht geneigt“, schrieb Trump auf Truth Social.1
Eisenkot, ein Zentrist, der die Partei Yashar anführt, ist der aussichtsreichste Kandidat, das oppositionelle Lager anzuführen. Er verlor einen Sohn und zwei Neffen, die in Gaza beim Militär dienten, und er gehörte während des größten Teils des ersten Kriegsjahres dem Kriegskabinett an, wo er mit Netanjahu zusammenarbeitete. Am Wahltag stand er in einer jubelnden Menge und rief alle Israelis auf, zu wählen, um „die schlechteste Regierung, die Israel je erlebt hat“, loszuwerden. Er merkte an, der Sieg sei nicht sicher, und fügte hinzu: „Wir stehen vielleicht am wichtigsten Tag seit der Gründung des Staates.“1,5
Netanjahu, der den Wählern gesagt hat, die Operationen in Gaza, im Libanon und im Iran seien im Gange und er brauche mehr Zeit, um zu vollenden, was seine Regierung begonnen habe, dürfte laut Axios 14 Sitze verlieren; 2022 hatte seine Koalition 64 Sitze gewonnen. Bevor die Exit-Polls veröffentlicht wurden, sagte er: „Dies ist ein sehr bewegender und schicksalhafter Moment.“ Nach der Stimmabgabe erklärte er Journalisten, die arabischen Parteien „erhalten massive, wirklich massive Unterstützung. Sie gehen in noch nie dagewesener Zahl zur Wahl.“ Die Associated Press merkte an, dass er für diese Behauptung keine Belege nannte, auch wenn die Wahlbeteiligung in arabischen Gemeinden laut Daten der Zentralen Wahlkommission deutlich gestiegen war.3,5,1
Am Wahltag gab es verstreute Vorwürfe von Unregelmäßigkeiten und Probleme in Wahllokalen. Der Likud beantragte, die Wahlzeit über 22 Uhr hinaus zu verlängern, doch die Wahlkommission lehnte dies ab und erklärte, dafür gebe es keine Begründung. Eisenkot hatte die vorgeschlagene Verlängerung abgelehnt und die Wähler aufgefordert, Netanjahus „Angstmacherei“ zu ignorieren. Dean Livne, kommissarischer Generaldirektor der Wahlkommission, sagte, die Zahl der Beschwerden über Unregelmäßigkeiten und Probleme in Wahllokalen sei bisher deutlich niedriger als bei früheren Wahlen.5
Sobald die Ergebnisse endgültig feststehen, wird Präsident Isaac Herzog denjenigen Abgeordneten mit der Regierungsbildung beauftragen, den er für am geeignetsten hält. Netanjahu und Eisenkot gelten weithin als die aussichtsreichsten Kandidaten. Sollte keines der Lager eine klare Mehrheit erreichen, könnten Parteien oder einzelne Abgeordnete trotz Wahlversprechen die Seiten wechseln, und die Verhandlungen könnten Wochen dauern. Das oppositionelle Lager könnte eine Minderheitsregierung mit einer Pluralität der Sitze anstreben, und die arabischen Parteien könnten dies ermöglichen, indem sie für die Regierung stimmen oder sich enthalten. Lässt sich keine Koalition bilden, würde das Land Neuwahlen abhalten. Israel hat zwischen 2019 und 2022 wegen einer Blockade bei der Regierungsbildung fünfmal gewählt.4,1
Eisenkot erklärte, die Ergebnisse der Exit-Polls „deuten auf ein eindeutiges Misstrauen gegenüber Netanjahu und der Regierung hin, die für den 7. Oktober verantwortlich ist, und zwar seitens der zionistischen Mehrheit und der Mehrheit der israelischen Bürger. Sollten diese Ergebnisse bestätigt werden, wird dies ein Sieg der zionistischen, pro-staatlichen Mehrheit Israels sein.“ Er fügte hinzu: „Ich werde sofort handeln, um das Urteil des Volkes umzusetzen, die Regierung Netanjahus zu ersetzen und so schnell wie möglich eine zionistische Regierung zu bilden, die sich dem Militärdienst verpflichtet fühlt.“3