Das US-Justizministerium verteidigte am Sonntag die Richtigkeit seiner Liste mit nach eigenen Angaben mehr als 20.000 mutmaßlichen Nichtstaatsangehörigen, die in Kalifornien als Wähler registriert sein sollen, und bat einen Bundesrichter zu prüfen, ob eine Einwandererrechtsgruppe und ihre Anwälte wegen Missachtung des Gerichts belangt werden sollten, nachdem sie eine Analyse der Namen veröffentlicht hatten.1,4
Der Antrag an den vorsitzenden Richter des US-Bezirksgerichts James Boasberg in Washington, D.C., erfolgte einen Tag, nachdem Anwälte der Coalition for Humane Immigrant Rights (CHIRLA) Schriftsätze eingereicht hatten, wonach ihre Prüfung ergeben habe, dass mehr als 40 Prozent der Personen auf der Liste nicht in der Wählerdatei des Bundesstaats erscheinen. Im Zentrum des Streits steht eine Liste, die die Regierung von Kalifornien dazu nutzen lassen will, Stimmzettel wenige Tage vor den Zwischenwahlen am Dienstag zurückzulegen, zu einem Zeitpunkt, zu dem bereits Millionen von Wählern in Kalifornien ihre Stimme abgegeben haben.1,4,5,2
Der Umfang der Liste selbst wurde in den Schriftsätzen und Berichten unterschiedlich dargestellt. Das Justizministerium und die Gerichtsunterlagen sprachen von 20.000 Personen, während Forscher des Voting Rights Project der University of California, Los Angeles erklärten, sie hätten 20.930 von Bundesbeamten benannte Namen untersucht. Die Forscher stellten fest, dass 8.880 Namen oder 42 Prozent nicht mit der aktuellen Wählerdatei Kaliforniens abgeglichen werden konnten. Die Analyse identifizierte zudem 22 Personen auf der Liste, bei denen es sich wahrscheinlich um eingebürgerte US-Staatsbürger handelte, und erklärte, dass sich offenbar Tausende weitere US-Staatsbürger ebenfalls darauf befänden.1,4,5,6,3
Boasberg hatte am Freitag CHIRLA Zugang zu den Bundesdaten über 20.000 Personen gewährt, bei denen es sich nach Darstellung der Trump-Regierung um nichtstaatsangehörige Wähler in Kalifornien handeln soll. Er ordnete an, dass die Kläger keine Namen von der Liste offenlegen und die Daten nur für die Begründung verwenden dürfen, warum sie klagebefugt seien, die Verwendung durch die Regierung anzufechten. Das Justizministerium erklärte in seinem Schriftsatz vom Sonntag, die Analyse habe mit der Klagebefugnis nichts zu tun und verstoße daher gegen diese Anordnung. "Die politische Selbstdarstellung des Berichts über angebliche Ungenauigkeiten, die angeblich die Wähler in Kalifornien allgemein beträfen, oder Vergleiche zwischen der Liste der Regierung und der vollständigen 'Wählerdatei Kaliforniens' sind für die Frage, ob die konkreten Kläger in diesem Fall klagebefugt sind, unerheblich," hieß es darin.1,4
Das Ministerium regte zudem an, dass Boasberg die Angelegenheit zur Untersuchung wegen möglicher strafbarer Missachtung des Gerichts an das Justizministerium verweisen solle. Alberto Lammers, Sprecher des Voting Rights Project der University of California, Los Angeles, das die Klage eingereicht und die Datenanalyse für die Einwandererrechtsgruppe erstellt hatte, erklärte in einer E-Mail-Stellungnahme: "Die Anwälte der Kläger und ihre Sachverständigen haben die Anordnungen des Gerichts vollständig befolgt."1,4
Die Regierung hat erklärt, ihre Liste sei sorgfältig aus den eigenen Wählerregistrierungsdaten des Bundesstaats zusammengestellt und mit den Staatsangehörigkeitsunterlagen des Bundes abgeglichen worden. Das Justizministerium richtete eine Reihe von Vorladungen an Wahlbehörden in Kalifornien und warnte Wahlbeamte, die wissentlich Nichtstaatsangehörige wählen ließen, vor möglichen Strafverfahren. Bundesstaatsanwälte warnten Beamte zudem vor möglichen strafrechtlichen Folgen, wenn sie wissentlich Stimmzettel von Nichtstaatsangehörigen verarbeiteten.1,4,5
Die Wahlbeamten Kaliforniens halten die Liste für voller Fehler und erklären, sie hätten keine Möglichkeit, die gesetzlich vorgeschriebene Arbeit zur Streichung von Wählern aus den Verzeichnissen in den Tagen vor der Wahl zu leisten. Bei der Registrierung versichern Personen, US-Staatsbürger zu sein, und riskieren bei unberechtigter Stimmabgabe eine Strafverfolgung wegen eines Schwerverbrechens.1,4
In einem separaten Verfahren legte das Justizministerium am Sonntag zudem Berufung gegen eine Entscheidung von Freitagabend durch die Richterin des US-Bezirksgerichts Trina L. Thompson ein. Die in San Francisco tätige Richterin untersagte dem Ministerium, von Wahlbehörden zu verlangen, mögliche Nichtstaatsangehörige aus den Wählerverzeichnissen zu streichen, deren Stimmzettel auszusondern oder mit rechtlichen Schritten zu drohen. Das Ministerium merkte an, Thompson habe entschieden, bevor die Bundesregierung ihre ersten Schriftsätze einreichen konnte, und Thompson setzte für Montag eine Anhörung zur Berufung an.1,4
Dieses Verfahren ist eines von vielen, das die Trump-Regierung in ihrem Streit über ihre Listen mutmaßlicher nichtstaatsangehöriger Wähler verloren hat. Ein Bundesrichter in Kalifornien wies ihre Forderung zurück, Wahlbeamte zur Aussonderung der von diesen Wählern abgegebenen Stimmzettel zu zwingen, und schrieb, solche kurzfristigen Anordnungen könnten bei der Wahl des Bundesstaats "Verwüstung anrichten", und zwei Berufungsrichter stimmten zu. Am Freitag wies das 9. US-Berufungsgericht (9th U.S. Circuit Court of Appeals) in San Francisco den Eilantrag der Regierung, Kalifornien ein zweites Mal zur Rücklegung der strittigen Stimmzettel zu zwingen, zurück. "Wir lehnen die Einladung der Vereinigten Staaten (United States) ab, gegen die Wahlklausel zu verstoßen, indem wir den klaren Wortlaut der Verfassung untergraben," schrieb die Gerichtsmehrheit.1,4,6,5
Die Liste der Regierung wurde Anfang Oktober an Kalifornien übergeben und bildete die Grundlage einer am 15. Oktober eingereichten Klage, die Kalifornien auffordert, alle Stimmzettel jener "wahrscheinlichen Nichtstaatsangehörigen" sicherzustellen und von der Auszählung auszunehmen. Das Justizministerium forderte die Beamten Kaliforniens auf, die mit den aufgeführten Personen verbundenen Stimmzettel auszusondern und bis zur Überprüfung der Staatsangehörigkeit von der Zählung zurückzuhalten. Die Beamten Kaliforniens wiesen die Forderungen zurück, stellten die Zuverlässigkeit der Liste infrage und warnten, die Aussonderung von Stimmzetteln könne eine bereits laufende Wahl stören, und ein Bundesbezirksrichter hatte den Antrag zuvor abgelehnt und gewarnt, er könne wahlberechtigte Wähler entrechten und Chaos verursachen.6,5
Die Wissenschaftler der UCLA erklärten, viele weitere Namen auf der Liste seien entweder als US-Staatsbürger bestätigt oder könnten US-Staatsbürgern entsprechen, und warnten, die Zahl der enthaltenen Staatsbürger könne deutlich höher liegen. "Diese Prüfung beweist, zumindest nach der überwiegenden Wahrscheinlichkeit der Beweise, dass Forderungen an Wahlbeamte unter strafrechtlichen und zivilrechtlichen Drohungen das Wahlrecht der Mitglieder und Mandanten der Klägerin CHIRLA gefährden," hieß es in dem Schriftsatz. Er wurde von Xavier Becerra mitunterzeichnet, dem demokratischen Kandidaten für die Nachfolge von Gouverneur Gavin Newsom. Ähnliche Listen, die an andere Bundesstaaten gesandt wurden, wiesen ebenfalls erhebliche Fehler auf, und in Nevada stellte sich heraus, dass keiner der Namen auf seiner Liste nichtstaatsangehörige Wähler waren. Alle 50 Bundesstaaten verbieten die Stimmabgabe von Nichtstaatsangehörigen bei Bundeswahlen.6,5
Thompson soll am Montag eine Anhörung zur Berufung des Ministeriums abhalten, während die Zwischenwahlen, die über die Kontrolle des Kongresses (Congress) und 52 Sitze im Repräsentantenhaus (House) in Kalifornien entscheiden, für Dienstag angesetzt sind.1,4,5,6