Eine ehemalige Studentin der Cornell University, die sieben männliche Studenten beschuldigt, sie in einem Verbindungshaus vergewaltigt zu haben, hat in einem Brief an die Fakultät geschrieben, der Universitätspräsident habe hinterfragt, warum sie den mutmaßlichen Übergriff erst so spät angezeigt habe. Die Hochschule bestreitet diese Darstellung, während die Fakultät über seine Führung abstimmen will.3,5
Die Studentin, die in Gerichtsdokumenten als Jane Doe geführt wird, schrieb, sie habe sich "nicht unterstützt und ungehört" gefühlt, nachdem sie von der Bemerkung des Präsidenten erfahren habe. Ihre Schilderung des Gesprächs beruht auf zweiter Hand. In dem Brief sagte sie, die Präsidentin ihrer Schwesternschaft habe ihr berichtet, Cornell-Präsident Michael Kotlikoff habe zunächst etwa so reagiert: "Warum hat sie so lange gewartet, es zu melden?" Der zweiseitige Brief vom 14. Oktober wurde über ihre Anwältin verschickt und liegt der BBC und der Nachrichtenagentur Associated Press vor.3,5
Cornell widersprach dieser Darstellung. Eine Sprecherin der Universität erklärte, die Wiedergabe von Kotlikoffs Frage aus zweiter Hand sei falsch und beruhe "auf einem dokumentierten Bericht aus erster Hand". Die Frage habe sich laut der Sprecherin "an Umstehende gerichtet, die die anonyme Hinweisstelle der Universität nicht genutzt haben, obwohl es im Oktober 2024 fortlaufende Aktivitäten in sozialen Medien zu dem Vorfall gab". Weiter sagte die Sprecherin: "Er hat Jane Does Meldung nicht infrage gestellt."3,5
Die beiden Darstellungen unterscheiden sich auch hinsichtlich des Zeitpunkts des Gesprächs. PBS berichtete, die Präsidentin der Schwesternschaft habe im November 2024 mit Kotlikoff gesprochen, während die BBC meldete, der Brief verlege die Frage auf eine Sitzung im Januar 2025. Christopher Schaffer, Dekan der Fakultät an der Cornell University, schrieb in einer E-Mail an die Mitglieder des Fakultätssenats (faculty senators), ein anderer Teilnehmer des Gesprächs erinnere sich, dass Kotlikoff gefragt habe, warum Umstehende den mutmaßlichen Übergriff nicht früher gemeldet hätten. Schaffer sagte, er habe den Brief erst weitergegeben, nachdem er eine weitere Aussage eingeholt habe, und leitete ihn an die Rechtsabteilung der Universität weiter. Diese habe ihn an ein unabhängiges Team übergeben, das Cornells Umgang mit dem Fall untersucht.3,5
Schaffer sprach sich gegen eine vorgeschlagene Resolution zum Misstrauensvotum aus, weil sie keine konkreten Versäumnisse oder Lösungen benenne. Zugleich zeigte er Verständnis für die Frustration in der Fakultät. "Die Wut in unserer Gemeinschaft ist berechtigt, und ich teile sie", sagte er.3
Kotlikoff reagierte nicht auf eine per E-Mail gestellte Bitte um Stellungnahme zu Does Brief. Die BBC berichtete, Mitarbeitende, die ihn in der Sitzung des Fakultätssenats am vergangenen Mittwoch befragt hatten, seien "zutiefst beunruhigt" über seinen Umgang mit dem Fall gewesen. In dieser Sitzung verwies Kotlikoff auf Änderungen, die die Universität nach Does Vorwürfen vorgenommen hatte, darunter ein Verbot von Verbindungspartys. "Wir alle sind außerordentlich bestürzt über die Ereignisse an der Cornell University im Oktober 2024", sagte er.5,3
Der Streit in der Fakultät findet vor dem Hintergrund einer breiteren Empörung statt. Der mutmaßliche Übergriff ereignete sich im Oktober 2024 bei einer Party der Verbindung Chi Phi. Er hat Campusproteste, eine erneute Prüfung des Disziplinarsystems der Universität und eine staatliche Untersuchung ausgelöst. Cornell hat Verbindungspartys ausgesetzt und die ehemalige Beamtin des Justizministeriums (Justice Department) Sally Yates beauftragt, den Umgang mit Vorwürfen sexueller Übergriffe zu überprüfen. Laut BBC zeigte Doe den mutmaßlichen Übergriff am 8. November bei der Campuspolizei an, etwa drei Wochen nach der Party. Der zuständige Bezirksstaatsanwalt des Tompkins County (Tompkins County District Attorney), Matthew Van Houten, lehnte damals mangels ausreichender Beweise eine Anklage ab, der Fall wurde inzwischen wieder aufgenommen. Gegen die beschuldigten Männer, die alle die Vorwürfe bestreiten, wurde bislang keine Strafanzeige erhoben.2,3,5
In einer separaten Entwicklung hat Does Anwalt Thomas Giuffra in einem am Dienstag unterzeichneten Gerichtsdokument erreicht, dass Orazio Petito, der in der ursprünglichen Klage als damaliger Präsident der Verbindung genannt wurde, endgültig aus Does Zivilklage entlassen wird. Petitos Anwalt Eric Bernstein sagte ABC News, die Änderung sei das "richtige Ergebnis". "Mein Mandant hätte aus diesem Verfahren entlassen werden müssen", sagte er. "Sie hatten den falschen … Mann, und was Herrn Petito betrifft, wurde Gerechtigkeit geübt." Van Houten hat erklärt, die Vorwürfe in der Zivilklage wichen deutlich von Does ursprünglicher Aussage ab. Mindestens drei der Beschuldigten sagen, Doe sei die Aggressorin gewesen und habe ihre Zustimmung nicht eingeholt. Einer von ihnen, Matthew Ingalls, behauptet, Doe habe ihn selbst sexuell angegriffen, und die Universität habe seine Beschwerde ignoriert.2
Textnachrichten, über die The Daily Wire berichtete, zeigen, dass Doe zwei Tage nach dem mutmaßlichen Übergriff einem der Männer, die sie beschuldigt, schrieb, sie liebe ihn, und die sexuellen Handlungen als "nicht illegal" bezeichnete. Sie fügte hinzu: "Unser Körper, unsere Entscheidung." Letzte Woche wies die New Yorker Richterin Phaedra Perry-Bond, die die Zivilklage leitet, einen Antrag auf Schweigeanordnung des Angeklagten Diego Sarabia zurück. Sie bezeichnete den Antrag als "Ablenkungsmanöver", das die "Lage verschleiern" solle, und überließ den Schutz der Beklagten vor Drohungen, Belästigung und Doxxing ihren Anwälten. PBS berichtete, Nachrichten an Does Anwälte Giuffra und W. Whitney Seals, in denen um eine Stellungnahme gebeten wurde, seien unbeantwortet geblieben.2,3
Polymarket, eine Online-Prognosebörse, hat einen Vertrag entfernt, auf den Nutzer wetten konnten, ob einer der sieben beschuldigten Männer wegen eines Sexualstraftatbestands angeklagt wird. Seit der Eröffnung am 30. September waren mehr als 450.000 Dollar auf diese Frage gesetzt worden, geplant war ein Abschluss am 31. Januar. Die US-Handelsplattform des Unternehmens unterliegt der Aufsicht der Commodity Futures Trading Commission, die Handel mit "Aktivitäten, die nach Bundes- oder Landesrecht rechtswidrig sind", verbietet.6
Der Fall hat auch politische Reaktionen ausgelöst. Die New Yorker Gouverneurin Kathy Hochul sagte, die Klägerin sei von der lokalen Polizei und den Bezirksstaatsanwälten, die keine Anklage erhoben hätten, "im Stich gelassen" worden. Sie beauftragte die Generalstaatsanwältin des Bundesstaates, Letitia James, mit der Übernahme der Ermittlungen. James schrieb in sozialen Medien, was diese junge Frau habe ertragen müssen, sei "schrecklich und inakzeptabel". Weiter schrieb sie: "An sie und an alle Überlebenden: Sie sind nicht allein. Wir stehen an Ihrer Seite." Die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus New York sagte, in den Eliteeinrichtungen des ganzen Landes herrsche "eine Kultur der Vergewaltigung, sexuellen Gewalt und Pädophilie". Der Kandidat für den US-Senat aus Michigan, Abdul El-Sayed, erklärte, Cornell habe "ihre Täter geschützt und sie mit einem Klaps auf die Finger davonkommen lassen".1
Saritha Komatireddy, eine Republikanerin, die bei der Wahl zur Generalstaatsanwältin von New York gegen James antritt, sagte in einer Debatte, James habe "das Ganze verpatzt, indem sie vorab geurteilt hat". Die Untersuchung "erfordert jemanden, der sich dem Fall mit Fairness, Unparteilichkeit und Integrität nähert". Die Kommentatoren Megyn Kelly und Ben Shapiro haben ebenfalls die Darstellung der Klägerin infrage gestellt.1
Der Fall hat auch unter Progressiven eine Debatte über die Gesetze New Yorks zu Rausch und Einwilligung ausgelöst. Befürworter von Frauen- und Opferrechten wollen, dass der Bundesstaat das, was sie als "Schlupfloch der freiwilligen Intoxikation" bezeichnen, schließt. Dieses Schlupfloch erschwere es, Täter zu verfolgen, wenn Opfer Drogen oder Alkohol freiwillig konsumiert haben. Sie argumentieren, falsche Vergewaltigungsvorwürfe seien selten und solche Taten würden zu milde bestraft. Andere progressive Gruppen, darunter Persönlichkeiten aus dem schwarzen politischen Establishment New Yorks, Pflichtverteidiger, Befürworter einer Reform des Strafrechts und Mitglieder der Demokratischen Sozialisten Amerikas (Democratic Socialists of America), stehen dem Strafjustizsystem skeptisch gegenüber. Sie argumentieren, schwarze und andere nichtweiße Männer würden häufig fälschlich beschuldigt, und ein neues Instrument für Staatsanwälte könne dazu genutzt werden, Männer in Fällen ins Gefängnis zu bringen, in denen die Einwilligung schwer festzustellen sei.1
Der Fakultätssenat soll die Debatte über die Resolution zum Misstrauensvotum voraussichtlich am 28. Oktober fortsetzen und anschließend elektronisch abstimmen. In ihrem Brief schrieb Doe, sie wolle, dass die Fakultät Informationen erhält, die für ihre Beratungen relevant sein könnten. "Es ist nicht meine Absicht vorzugeben, wie der Senat diese Schilderung zu bewerten hat, sondern Informationen bereitzustellen, die seine Mitglieder berücksichtigen oder weiter prüfen möchten", schrieb sie. Sie habe geschrieben, damit die Fakultät vor der Abstimmung "eine fundierte Entscheidung treffen kann".3,5